Wie viel ist ein Mensch ...

Jeannine Reiher

 

Steven Reiher, geboren am 1. Februar 1984, gestorben am 12. Juni 2006. Gestorben, weil ein Rentner ihm die Vorfahrt nahm. Gestorben, weil Manfred Fränkel, damals 69 Jahre, eine Abkürzung nehmen wollte. Gestorben, weil ein rücksichtsloser alter Mann von einer Nebenstraße kommend auf einer vierspurigen Hauptstraße mit durchgezogener doppelter Sperrlinie wenden wollte. Ohne nach dem Verkehr zu schauen, ohne in den Rückspiegel zu schauen, ohne auf die Gesundheit seiner Fahrgäste zu achten. Er fuhr einen Kleinbus mit behinderten Kindern. Ein Nebenverdienst zur Rente, die er jetzt noch ein wenig genießen möchte. Deshalb geht er auch in Berufung. Er kann die Strafe nicht akzeptieren, die ihm das Gericht am 14. Mai für fahrlässige Tötung auferlegt hat. 7 Monate auf Bewährung, 1 Jahr Fahrverbot, 3000 Euro an die Opferhilfe. Das ist dem Rentner zuviel, der im Gericht keine Reue, nicht einmal eine Regung zeigt. Er hätte kaum Schlaf, sagt sein Anwalt. Er würde mit dem Unfall nicht fertig werden und sei in psychologischer Behandlung. Davon spürt im Gerichtssaal keiner etwas. Auch seine Frau ist regungslos. Mitten im Plädoyer singt ihr Handy “Auf der Straße nach Fernando”. Ja, da möchten sie wohl gern sein. Doch so schlimm scheint es Manfred Fränkel auch wieder nicht zu gehen, wenn er sich der Prozedur einer neuen Verhandlung aussetzen möchte. Wenn seine Tat so schwer auf ihm lastet, würde er die Strafe hin nehmen. Eine recht milde Strafe, wie viele meinen, die den Fall mitverfolgen. Unter Anwälten gilt sie als streng. Schließlich gibt es auf fahrlässige Tötung meist nur eine Geldstrafe. Nach den Opfern fragt keiner.

Steven war, ist mein Bruder. Er war mit dem Motorrad von der Arbeit auf dem Weg nach Hause, am Montag, dem 12. Juni 2006, 14:35 Uhr. Er fuhr auf der Hauptstraße, auf der linken Spur. Als der Kleinbus plötzlich von der Nebenstraße auf seine Spur lenkte, leitete er eine Notbremsung ein, kollidierte trotzdem mit dem Bus, starb.

Zur Beerdigung erschienen viele seine Freunde. Circa 150 Personen drängten in die Friedhofskapelle. Selbst zur Verhandlung kamen einige davon. Manfred Fränkel gibt sich unbeeindruckt. Der alte mürrische Mann hat das Leben eines 22jährigen beendet, der noch unendlich viele Pläne in seinem Leben hatte. Das einzige, woran er zu denken scheint, ist seine weiße Weste, die er sich nicht durch eine Bewährungsstrafe beschmutzen möchte. Dass er jemanden getötet hat, durch eine vorsätzliche Handlung, nämlich die Mißachtung diverser Verkehrsregeln und Inkaufnahme von Leben und Gesundheit seiner Insassen und anderer Verkehrsteilnehmer, dass scheint ihn nicht zu interessieren. Er scheint keinen einzigen Gedanken an den getöteten Motorradfahrer, seine Familie und seine Freunde zu verschwenden. - Vielleicht fällt das auch dem Richter in der Berufungsverhandlung auf, und er setzt das für uns viel zu niedrige Strafmaß nicht noch mehr herunter. Steven wird nicht wiederkommen, das wissen wir. Doch sollte ein Menschenleben nicht mehr wert sein als eine Geldstrafe?

Chemnitzer Morgenpost vom 15.05.2007Freie Presse vom 15.05.2007Chemnitzer Bild vom 15.05.2007





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Kommentare
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*Es ist einfach immernoch nicht zu glauben,wie die Rechtssprechnung in unserem Staate ist. Der eine baut “nur” einen harmlosen Unfall und bekommt eine Strafe, als wäre er ein Schwerverbrecher und dann kommt so ein “lieber alter Opa, der ja nur seine Rente aufbessern will” und übersieht “ausversehen” unseren Steven... und was bekommt er???? NICHTS, im Gegensatz zu dem,was er angerichtet hat. Von wegen er ist total psyschisch am Ende... im Gerichtssaal ist er der Verstummte, der tot Traurige, der am liebsten alles rückgängig machen wöllte, aber sorry... glauben kann man diesem Menschen nichts, wenn er in der nächsten Minute beim gemütlichen Zigaretten rauchen vor dem Gericht, mit seinem tollen Anwalt plötzlich wieder reden und lachen kann...
Und für die Bemerkung seines Anwaltes, es würde ja überhaupt nichts bringen,wenn Herr Fränkel ins Gefängnis geht, denn Steven kommt so auch nicht zurück, müsste es auch Strafen geben.
Wie kann man so etwas sagen? Man muss einfach nur gefühlskalt sein,wenn man den Eltern dabei noch in die Augen schauen kann. So etwas haben wir noch nicht erlebt.

Es mag sein,dass der Herr Fränkel nicht gerade glücklich ist, aber eine Entschuldigung oder einfach nur irgendein Wort im Gerichtssaal wäre doch angebracht gewesen.

Es ist einfach nur schwer für uns zu verstehen, dass unser Steven nicht mehr bei uns ist. Jedes Mal, wenn wir an seinem Grab stehen und unseren Sonnenschein anschauen müssen wir weinen. Er fehlt uns so sehr... sein Lachen, seine ständige gute Laune und seine Nähe. Nichts ist mehr so, wie es früher war...
WIR VERMISSEN DICH SO SEHR!!!
IN UNS LEBST DU WEITER!!!

KATJA und JÜRGEN
(Antwort) am Sonntag, 15. Juli 2007

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