Mai 18: Die Liebe zum EXIL
1993 verlieh ihr Richard von Weizsäcker das Bundesverdienstkreuz für besondere Verdienste. 2003 wurde sie vom tschechischen Außenminister Cyril Svoboda als “Bedeutendste Tschechin im Ausland” geehrt. 2006 erhielt sie den von der “Zeit” gestifteten Ben Witter-Preis. Und doch kennen nur wenige die kleine zierliche Frau, die für die deutsche Literatur so viel getan hat.
Edita Koch ist Herausgeberin der Zeitschrift EXIL. Sie ist stets auf der Suche nach Manuskripten von Emigranten, die den deutschsprachigen Raum während des 2. Weltkrieges verlassen mussten. Die gebürtige Tschechin reist sehr viel, früher mehr als heute, besucht die Schriftsteller in ihrer neuen Heimat, durchforscht Nachlässe. Zu ihren Entdeckungen gehören unveröffentlichte Schriften von Ernst Weiß, Hans Sahl, Emma Kann, Heinrich und Klaus Mann, Ernst Toller und viele andere mehr. Zwei Mal im Jahr erscheinen ihre Fundstücke in ihrem Magazin, das sie seit über 20 Jahren verlegt. Die Auflage ist klein. Rund 1000 Exemplare erreichen Privatpersonen, Buchhandlungen und Bibliotheken. [...]
Leben kann sie davon nicht. Edita Koch arbeitet deshalb hauptberuflich im Frankfurter Suhrkamp Verlag. Bereits während des Studiums half sie im Pressearchiv aus, das sie heute leitet. Der Verlag unterstützt sie in ihrer Nebentätigkeit als Verlegerin, schaltet kostenlose Anzeigen, gewährt ihr Urlaub, wenn eine wichtige Reise ansteht. Doch wie kam die Frau, die erst nach dem zweiten Weltkrieg in der tschechischen Stadt Gablonz geboren wurde, zum Thema Exil?
Die Eltern von Edita Koch mussten schwere Zeiten überstehen. Sie waren jüdische Unternehmer und hatten das Naziregime nur unter schwierigen Bedingungen überlebt. Der Vater war mehrfach in Haft, von seiner Zeit in Auschwitz ließ er nie ein Wort verlauten. Die Familie ihrer Mutter schlug sich mit falschen Papieren durch. Freunde halfen ihr, sich zu verstecken. Doch auch nach dem Krieg standen die Eltern unter ständiger Polizeiüberwachung. Unternehmer, noch dazu jüdische, waren in der neu gegründeten tschechoslowakischen Republik nicht gern gesehen. Zudem hatten sie Freunde, die als politische Gegner galten. So durfte der Vater bald seine Modeschmuckfirma nicht mehr aufrechterhalten. Als Edita Koch zwei Jahre alt war, wurden ihre Eltern verhaftet. Sie und ihr älterer Bruder kamen zunächst in ein Kinderheim, später wurden sie von einer Tante aufgenommen. Nach fünf bzw. acht Jahren wurden ihre Mutter und ihr Vater aus der Haft entlassen. Getrieben von den Repressionen des kommunistischen Systems verließ die Familie 1968 das Land und emigrierte nach Deutschland. Die damals Vierzehnjährige lernte schnell die neue Sprache und las mit Begeisterung jede Art von Literatur. Diese Leidenschaft für das geschriebene Wort führte zunächst zu einem Germanistikstudium, in dem ihr Interesse für Exilliteratur, bedingt durch die eigene Biographie, geweckt wurde.
Während des Studiums entdeckte Edita Koch auch eine zweite große Liebe – die zu ihrem späteren Mann. Zusammen gründeten sie 1981 den EXIL-Verlag. Doch bereits ein Jahr später, nach nur sechs Jahren Ehe, erlitt ihr Partner einen tödlichen Herzinfarkt. Die junge Witwe war kurz vor dem Examen, das erste Buch sollte im neu gegründeten Verlag erscheinen. Mit viel Kraft entschloss sie sich, den Traum ihres Mannes allein zu verwirklichen. Ihr Faible für Exilliteratur fand in der Zeitschrift EXIL eine adäquate Umsetzung.
Die Leser sind ihr treu, auch wenn sich deren Zusammensetzung immer wieder ändert. Gehörten zum Leserkreis zunächst vor allem jene, die selbst den zweiten Weltkrieg miterlebt haben, so kamen später die so genannten Alt-Achtundsechziger hinzu. Inzwischen lesen auch viele jüngere, vor allem Studenten, das Magazin. Viele Briefe erreichen die Verlegerin. Daher weiß sie, dass ihre Zeitschrift auch im Ausland gelesen wird. Sie sieht ihre Leser als kleine Familie. Einige hat sie sogar persönlich kennen gelernt.
Doch Edita Koch möchte sich nicht auf ihrem Erfolg ausruhen. Sie möchte mehr. Mehr reisen, so wie früher. Mehr Zeit für Kunst und Kultur. Ein wenig wehmütig denkt sie an ihre Reisen zurück. Sie war ein Jahr in einem israelischen Kibbuz, hat in London und in Belgien gelebt. Ihre Reise nach New York in den achtziger Jahren zählt zu ihren schönsten Erlebnissen. Dort traf sie Emigranten, war bei Tiffanys (sie verehrt Audrey Hepburn, der sie ein klein wenig ähnlich sieht). Nur den Koffer packen, das mag sie gar nicht.
Vielleicht geht Edita Koch auch eines Tages zurück nach Tschechien. Doch was wird sie erwarten, in einer Heimat, die doch Fremde ist? Und so ist es wahrscheinlicher, dass sie ihren Verlag vergrößert, andere Themen aufnimmt und ihr Repertoire erweitert. Es gibt noch viel zu entdecken, sagt sie. Neue Emigration wäre ein interessantes Thema. Vielleicht publiziert sie auch Bücher. Sie weiß es noch nicht. Doch eins ist sicher: die verlegerische Arbeit hat ihr Leben enorm bereichert und ihr neue Wege gezeigt. Dies möchte sie auch in Zukunft nicht missen. Es gilt, neuen Ländern und Menschen zu begegnen, unzählige Ideen umzusetzen. – Sie hat noch viel vor.
Wer Edita Koch begegnet, sieht zunächst eine kleine zierliche Frau mit einem ausgeprägten Sinn für alles Schöne. Wer mit ihr spricht, erkennt bald, wie viel Stärke und Kraft in ihr stecken. Wer sie verlässt, wird nicht umhin kommen, Bewunderung für sie zu empfinden.
Kontakt zu Edita Koch: exilrecherche@yahoo.de