Buch: Lustigs Flucht

Jeannine Reiher

 
Wer kennt ihn nicht, den Wunsch, der Welt zu entfliehen und sich eine Auszeit fernab des Alltags zu gönnen? Manch einer tritt eine Reise an, ein anderer überwindet den Impuls und fügt sich den beruflichen und privaten Verpflichtungen, ein dritter flüchtet in die Isolation. Ernst Lustig hat sich für die dritte Variante entschieden und die Bedingungen verschärft. Bei seinen Entscheidungen, die jeder andere vermutlich zugunsten der Vernunft getroffen hätte, setzt er auf Rebellion - oder ist es Trotz? Er kann nicht anders, sein Naturell scheint darauf angelegt zu sein, immer den komplizierteren Weg zu wählen. So wird auch aus seiner Flucht in die Einsamkeit einer leihweise überlassenen Studentenbude ein Abenteuer, in dem Lüge und Wahrheit verschwimmen, die Verschrobenheiten des Menschseins zu Tage treten und unerwartete Freundschaften geschlossen werden. In Steffen Menschings “Lustigs Flucht” begleitet der Leser einen arbeitslosen Schriftsteller, der am Sinn seines Schaffens - einer Schillerbiographie - zweifelt und das tiefe Bedürfnis verspürt, sich allen unangenehmen Dingen durch Fernbleiben zu entledigen. Dass dies im richtigen Leben nicht funktioniert, dass man seinen Aufgaben und Problemen nicht einfach davonlaufen kann, ist nicht nur eine Binsenweisheit, sondern wird anschaulich demonstriert. Am Anfang besteht ein kleiner Hoffnungsschimmer, dass sich Lustig vielleicht doch davonstehlen kann. Würde dies gelingen, stände einem selbst das Rezept gegen unangenehme Verpflichtungen zur Verfügung. Also bangt man mit dem Protagonisten und hofft insgeheim auf seinen Erfolg. Doch es kommt alles anders...

“Lustigs Flucht” ist ein intelligentes Buch, das Tragik und Humor miteinander vereint. Ich habe mich selbst immer wieder dabei ertappt, Lustigs Mut für und trotz seiner irrsinniger Entscheidungen zu bewundern. Ein Aussteiger, der sich so schnell nicht geschlagen gibt, auch wenn der Handlungsstrang kein schonungsloses Davonkommen verspricht. Steffen Mensching zeigt, dass es für Geisteswissenschaftler, noch dazu recht sensible mit Idealen, nicht leicht ist, in der Gegenwart zu bestehen. Da drängt sich mir unwillkürlich die Frage auf: wieviel Steffen Mensching steckt in Ernst Lustig?




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