Kurzgeschichte: Die Fahrt

Jeannine Reiher

 

Die Kurzgeschichte “Die Fahrt” entstand 2009 im Rahmen eines Nachwuchsautorenwettbewerbs, der vom KulturSpiegel und von Thalia ins Leben gerufen wurde. Das Thema lautete “15 Minuten”.


Hastig läuft sie die Treppe zur U-Bahn hinab. Sie ist spät dran und darf den nächsten Zug nicht verpassen. Die Bahn fährt gerade ein, als sie die letzte Stufe erreicht. Türen öffnen sich, Menschen strömen wie Lemminge in die gleiche Richtung. Ein kurzer Sprint – geschafft. Nach ihr zwängt sich noch schnell ein junger Mann in die Kabine. Er ist außer Atem und rückt gehetzt seine Kapuze zurecht, die er sich tief in das Gesicht gezogen hat. Sein großer Koffer versperrt den Weg. Als sich die Türen wieder schließen, durchfährt ein leichtes Vibrieren die Passagiere. Sie kann sogar noch einen Sitzplatz ergattern. Ihr gegenüber sitzt ein gelangweilt aussehender Punk und kaut Kaugummi

14:15 Uhr – der Zug fährt an.
Tick tack, tick tack.

In einem Hochhaus, nicht weit von der U-Bahn-Station entfernt, streichelt eine alte Frau liebevoll ihre beiden Katzen und verteilt großzügig Futter in mehrere Schalen. Zwei flache Töpfe mit Wasser stehen schon bereit. Das dürfte für eine Weile reichen. Sorgsam streicht sie ihre Kleider glatt und überlegt. Hatte sie auch an alles gedacht? Sie hatte aufgeräumt, die Blumen waren versorgt und der Brief lag gut sichtbar auf der Kommode im Flur. Sie war eine gute Bürgerin und wollte der Polizei unnötige Arbeit ersparen. Das Schreiben war ihr nicht leicht gefallen, doch nach vielen zerknüllten und weggeworfenen Seiten fand sie letztendlich die passenden Worte, die ihre Einsamkeit nach dem Tod ihres Mannes und ihre Angst vor dem Alleinsein zumindest annähernd beschrieben. Mit einem letzten Blick vergewissert sie sich, dass sie einen guten letzten Eindruck hinterlassen würde. Mit schweren Schritten macht sie sich auf den Weg zum Dach…

14:16 Uhr. Erste Haltestelle.

Auch das noch, stöhnt sie innerlich, als eine Horde Schüler in den Wagon stürmt. Sie sind mit Rucksäcken bepackt, unterhalten und streiten sich laut. Die Lehrerin mahnt zur Ruhe. Erfolglos. Hoffentlich fahren sie nicht die ganze Strecke mit. Der Mann mit der Kapuze rückt zur Seite. Die Türen zischen leise. Schwerfällig setzt sich der Zug in Bewegung.

Tick tack, tick tack.

Oberhalb der Erde, im nahe gelegenen Krankenhaus, stöhnt ebenfalls eine Frau – jedoch laut und schmerzvoll, denn die letzte Wehe hat sie unvorbereitet erfasst. Ihr Mann streichelt mit einem verzweifelten Gesichtsausdruck ihre Hand und redet beruhigend auf sie ein. Wie lange hatten sie probiert, ein Kind zu bekommen. Kaum etwas hatten sie unversucht gelassen. Für eine Adoption waren sie zu alt, so dass die künstliche Befruchtung die einzige Möglichkeit zu sein schien, ihren Kinderwunsch doch noch Wirklichkeit werden zu lassen. Nach drei missglückten Anläufen und tausenden Tränen gaben sie auf. Ein Jahr nach diesem schweren Entschluss dann die überraschende Diagnose: schwanger! Sie konnten die freudige Nachricht zuerst nicht glauben, bangten jeden Tag um das Leben des Ungeborenen und waren auch jetzt noch nicht ganz sicher, ob sie ein lebendiges und gesundes Baby zur Welt bringen würden. Aufgelöst und glücklich halten sie es nun gemeinsam in den Armen. Während die Eltern das Wunder noch gar nicht richtig fassen können, geht in der Zentrale ein Notruf ein.

14:20 Uhr. Zweite Haltestelle.
Tick tack, tick tack.

Die Schüler verlassen den Zug bereits an der nächsten Haltestelle. Sie atmet erleichtert auf. Doch nun hört jemand viel zu laut Musik auf seinem MP3-Player. Normalerweise stört sie das nicht, wenn es nicht dieser furchtbare Song des Popsängers wäre, der in den letzten Jahren vor allem durch Skandalnachrichten auf sich aufmerksam gemacht hatte. Die Musik war so Achtziger – überhaupt nicht ihr Fall.

Auf der anderen Seite des Globus erreicht ein anonymer Anruf die Notrufzentrale des städtischen Krankenhauses. Ein Popsänger liegt bewusstlos in seiner Wohnung. Drei Stunden später erfährt die ganze Welt von seinem Tod. Ein trauriges und einsames Leben nimmt ein ebensolches Ende.

14:21 Uhr. Dritte Haltestelle.

Die Musikrichtung wechselt. Sie lächelt entspannt. So könnte es ruhig den Rest der Fahrt weitergehen. Der Kapuzenmann hat inzwischen auch einen Platz für sich und seinen Koffer gefunden.

Tick tack, tick tack.

Erleichtert und unendlich glücklich wischt sie sich die schweißnassen Hände an ihrer neuen Hose ab, die sie extra für heute gekauft hatte. Sie hat die Prüfung und somit das Rigorosum bestanden – der letzte Schritt auf dem Weg zum Doktortitel ist geschafft. Natürlich weiß sie genau, dass ein Dr. phil. kein Garant dafür ist, der Arbeitslosigkeit zu entrinnen. Das Leben unter Hartz IV kennt sie nur gut genug. Sie hatte die vergangenen Jahre in einer kleinen Wohnung mit Ofenheizung gelebt, undichte Fenster in Kauf genommen und auf jegliche Annehmlichkeiten verzichtet. Zahlreiche Bewerbungen als Absolventin der Geisteswissenschaften waren ohne Erfolg geblieben, lediglich ein paar Praktikumstellen und Ein-Euro-Jobs ergänzten das karge Einkommen vom Amt. Doch nun schöpft sie neuen Mut. Die Welt steht ihr offen, auch wenn sie weiß, dass es hin und wieder wohl besser sein würde, den hohen Grad ihrer Ausbildung zu verschweigen.

14:23 Uhr. Vierte Haltestelle.
Tick tack, tick tack.

Sie bemerkt kaum, dass der Zug eine weitere Haltestelle erreicht. So sehr ist sie in die Musik vertieft, die inzwischen genau ihrem Geschmack entspricht. Versunken lauscht sie der Melodie und überhört die Sirenen, die an der Erdoberfläche in schrillen Tönen erklingen.

Sanitäter eilen herbei und versuchen, dem Motorradfahrer zu helfen. Polizisten sperren die Straße großräumig ab und scheuchen die neugierigen Gaffer zur Seite. Der Unfallverursacher, ein alter mürrischer Mann, steht lethargisch neben seinem Fahrzeug und scheint nichts zu begreifen. Er hat eine Sperrlinie überfahren und die Vorfahrt missachtet, um schneller an sein Ziel zu kommen. Es konnte ja keiner ahnen, dass es ausgerechnet heute schief gehen würde, schließlich kürzte er nicht zum ersten Mal seinen Weg auf diese Weise ab. So kann er schneller die nervenden Kinder loswerden, die er in seinem Bus transportiert. Schon schlimm genug, dass er ausgerechnet Behinderte fahren muss, dabei will er doch nur seine Rente ein wenig aufstocken. Die Sanitäter schieben den alten Mann zur Seite und heben die Trage behutsam in den Rettungswagen. Es sieht nicht gut aus. Mit Martinshorn rasen sie ins Krankenhaus, zweieinhalb Stunden später herrscht Stille.

14:26 Uhr. Fünfte Haltestelle.

Obwohl sie nur eine kurze Strecke voneinander entfernt wohnen, fiebert sie ihrem Ziel sehnsüchtig entgegen. Ihr neuer Freund würde sie abholen. Wer weiß, was er sich wieder einfallen lässt, um sie zu überraschen. Das letzte Mal waren sie auf einem Flohmarkt und hatten versucht, sich vorzustellen, welchen Menschen die angebotenen Sachen wohl einst gehörten, wie sie gelebt und welche Sehnsüchte sie gehabt hatten.

Auch der Mann mit der Kapuze ist nervös. Er trommelt mit den Fingern in einem unbekannten Rhythmus auf seinem Koffer herum. Welches Ziel er wohl hat?

Tick tack, tick tack.

Aufgeregt kontrollieren sie noch einmal alle Zahlen. Sie stimmen ausnahmslos überein. Auch das Datum auf dem Lottoschein ist das richtige – sie haben den Jackpot geknackt! Jubelnd köpfen sie eine Flasche Sekt. Beinahe hätten sie sogar vergessen, dass sie gespielt haben, denn den Schein hatten sie nur aus einer Laune heraus am Zeitungskiosk erworben. Die Radiomeldung über den noch unbekannten Gewinner aus der Stadt ließ sie jedoch aufhorchen. Eine leise Ahnung, mehr ein Wunsch ergriff sie und sie suchten den Glücksbeleg, den sie schließlich unter einem Einkaufszettel und mehreren Quittungen in der Küche fanden. Voller Freude überschlagen sich nun ihre Gedanken. Was sie mit so viel Geld alles anfangen könnten! Nur nicht den Kopf verlieren, durchatmen und nachdenken, sagen sie sich. Noch wissen sie nicht, wie sie den Schein überhaupt einlösen können, ohne die Aufmerksamkeit ihrer Umgebung auf sich zu ziehen. Eine Reise scheint angebracht, doch arbeiten wollen sie auch noch ein Stückchen, um inkognito zu bleiben, sozusagen.

14:28 Uhr. Sechste Haltestelle.

Noch eine Station, und sie kann ihren Freund endlich in die Arme schließen. Sie kramt in ihrer Handtasche und sucht den kleinen Handspiegel heraus, den sie immer bei sich trägt. Das Make-up ist perfekt, eine kleine Haarsträhne hat sich verirrt und wird nun sorgsam mit einer Klemme wieder festgesteckt. Als sie den Spiegel zuklappt, erhascht sie einen kurzen Blick auf das Gesicht des Kapuzenmannes. Er sieht geschafft, aber trotzdem irgendwie glücklich aus. Der Punk, der ihr gegenüber sitzt, kaut noch immer auf seinem Kaugummi und scheint sich keinen Millimeter bewegt zu haben. Der Zug ruckt an.

Tick tack, tick tack.

Auf dem Bahnsteig gegenüber, hinter einer Säule versteckt, steht eine junge Frau vor den Scherben einer einst hoffnungsvollen Beziehung. Traurig schaut sie ihre Freundin an und schüttelt kaum merklich den Kopf. Sie konnte ihre Entscheidung nachvollziehen, aber nicht wirklich verstehen. Wenn sie ihrer Familie gegenüber keine Stellung bezöge, könne sie nie glücklich werden, sagt sie zu ihr. Sie könne ihnen das nicht antun, erwidert die andere, schließlich sind gleichgeschlechtliche Partnerschaften auch in Deutschland nicht immer eine leichte Sache, erst recht nicht für eine Türkin. Sie habe Angst, eine Außenseiterin zu sein und möchte ihr wahres Ich solange wie möglich verbergen. Selbst eine Heirat und Kinder schließe sie nicht aus, um den Schein zu wahren. Ihre Beziehung könne nur heimlich stattfinden. Nach außen wären sie lediglich gute Freundinnen, mit getrennten Wohnungen, getrennten Familien. Dann muss es wohl sein, sagt die junge Frau. Ihre Wege trennen sich.

14:30 Uhr. Endstation.

Der Zug fährt in die Halle ein. Tick tack, tick tack. Zusammen mit ihr steht auch der Mann mit der Kapuze auf. Tick tack, tick tack. Noch zehn Sekunden, der Countdown des Zeitweckers läuft. Tick tack, tick tack. Er zieht seinen Koffer an sich heran, nimmt ihn langsam in die Hand. drei, tick tack – wenige Meter weiter oben – zwei, tick tack, - in einer Licht durchfluteten Altbauwohnung – eins, tick tack – schellt die Zeitschaltuhr. Die Mutter eilt zum Ofen und nimmt den frisch gebackenen Kuchen heraus. In wenigen Minuten erwartet sie ihren Sohn mit seiner neuen Freundin. Er holt sie eben aus der nahe gelegenen der U-Bahn-Station ab.

Die Türen öffnen sich und sie rennt ihm freudestrahlend entgegen. Er küsst sie überschwänglich und fragt: „Und, gibt’s was neues?“. „Nein“, sagt sie, „alles beim alten.“

Der Mann streicht sich nachdenklich mit einer Hand über den Kopf, den er vorsorglich mit einer Kapuze bedeckt hat. Die Haare wachsen langsam wieder, die sichtbaren Folgen der Chemotherapie verschwinden nach und nach. Er schleppt seinen schweren Koffer langsam zur Rolltreppe. Wie gut, dass er nur noch einmal umsteigen muss, bis er endlich auf dem Flughafen ankommt. Dann geht es in den wohlverdienten Urlaub. Er hat eine Rundreise durch Afrika gebucht. Man kann ja nie wissen, ob der Krebs wirklich besiegt ist, deshalb will er sich so viele Wünsche wie nur möglich erfüllen. Die Reise ist ein Anfang.

Die Türen schließen sich. Der Punk sitzt nun allein auf der Sitzbank. Sein Handy klingelt. Während er aufmerksam zuhört, erscheint auf seinem Gesicht ein breites Lächeln: er darf mit seiner Band als Vorgruppe auf einem großen Open Air-Festival auftreten.




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