EntFALTUNGSFREIHEIT

Jeannine Reiher

 

„Auf Menschen ist nicht leicht zu wirken, doch auf das willige Papier“, sagte einst Johann Wolfgang von Goethe und meinte damit das Schreiben von Büchern und Briefen. Doch dieses Zitat lässt sich ebenso auf das Falten von Papier anwenden – das Origami. Wahre Künstler können aus einem einfachen Blatt Gebilde entstehen lassen, die nur im Entferntesten daran erinnern, dass sie aus zarten Pflanzen- oder Holzfasern bestehen. Und selbst Laien gelingt es mit ein bisschen Geschick, aus dem doch leicht reißbaren Material stabile Formen entstehen zu lassen: einen Papierflieger vielleicht, ein Boot oder eine Malermütze aus Zeitung. Nicht die Komplexität der Objekte allein entscheidet über die Kunstfertigkeit, sondern der Designaspekt, der künstlerische Gedanke, der dahinter steht.

Um mehr über die Kunst des Papierfaltens zu erfahren, treffe ich mich mit Paulo Mulatinho, dem Gründer des Vereins Origami Deutschland e.V. [...]




Er ist für einige Tage in Bad Blankenburg, einer kleinen Stadt in Thüringen mit nur 7.300 Einwohnern. Hier entstand 1840 der erste Kindergarten der Welt, gegründet von Friedrich Fröbel. Zu seinem pädagogischen Konzept gehörte unter anderem das Falten von Papier. Und so ist es kein Zufall, dass ich dem Origami-Künstler mit brasilianischen Wurzeln im Friedrich-Fröbel-Museum begegnen werde.

Die Museumsleiterin Margitta Rockstein kommt mir bereits entgegen. Sie führt mich in ein kleines Archiv, dessen Regale bis an die Decke reichen und die mit alten, in Leder gebundenen Büchern gefüllt sind. In dieser Umgebung, die die Zeit zu konservieren scheint, hebt sich wie eine Insel der Gegenwart ein kleiner Schreibtisch mit einem Macbook hervor, an dem ein sehr lebendiger Paulo Mulatinho sitzt. Er begrüßt mich herzlich, sprüht voller Lebensfreude und Begeisterung. Und so zieht er mich sofort in seinen Bann. Innerhalb weniger Stunden ändern sich meine Vorstellungen von Origami grundlegend. Denn bisher kannte ich nur die Bastelbücher, die es im Buchladen zu kaufen gibt. Was mir der Wahl-Freisinger, der seiner großen Liebe wegen vor über 20 Jahren nach Deutschland gezogen ist, zeigt, ist eine Mischung aus Architektur, Produktdesign und Kunst – gepaart mit viel Humor und einer wahren Hingabe ans Detail. Wir betrachten uns die Werke verschiedener Papierkünstler, die aus den unterschiedlichsten Berufsgruppen stammen. Paulo Mulatinho, der selbst Grafik und Industriedesign studierte, schildert seine Begegnungen mit international bedeutenden Origamikünstlern, die ihn – jeder auf seine Weise – angeregt und beeindruckt haben. Den größten Einfluss hatte dabei der Däne Thoki Yenn (gest. 2004), der nicht nur ein großartiger Papierfalter war, sondern auch eine einzigartige, charismatische Persönlichkeit, ein Philosoph, ein „Zauberer“, so Paulo Mulatinho. Für ihn war er jedoch vor allem eins: ein guter Freund.

Ganz zum Schluss zeigt mir der bescheidene Künstler, der auf www.mastersoforigami.com immerhin zu den berühmtesten Origamimeistern der Welt gezählt wird, seine eigene schöpferische Welt. Hier dominieren klare, reduzierte Formen. Figuratives wird in Andeutungen wiedergegeben. Fast scheint es, als würden sich die papiernen Gebilde in zarten, fließenden Bewegungen befinden, so wie Seidentücher, die langsam zu Boden gleiten. Auch das traditionelle Kranichmotiv erfährt eine moderne, stilisierte Form. In ausgewogener Harmonie und Ästhetik werden Leichtigkeit und Expressivität miteinander vereint. In all seinen Objekten erkennt man, dass sie aus der Hand eines Grafikers und (Industrie-)Designers stammen. Gefühl für Formen und Farben zeigt Paulo Mulatinho ebenso in der Gestaltung seiner Internetseite, die demnächst online gehen wird. Neben einem Überblick über verschiedene Origamikünstler und ihre Arbeiten wird es Anekdoten und Gedanken über die Entstehung des Papierfaltens geben. Damit auch andere erkennen, was ich nun weiß: dass Origami weit mehr ist als das Falten von Papier…

Links:
Masters of Origami
Paulo Mulatinho (im Aufbau)
Viereck Verlag

Artikel: Faltungen - der Blick für das Besondere




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